Kubismus or not Kubismus

Veröffentlicht am März 12 à 12:20

Kubismus or not Kubismus

Im Artikel Kubismus or not Kubismus sprachen wir über die Entstehung des Kubismus. Jetzt wollen wir seine vier Entwicklungsphasen unter die Lupe nehmen.

Zwei Maler entfernen sich hier von den sie prägenden Einflüssen: Braque von Seurats divisionistischem Neoimpressionismus (der Ordnung und Strenge in die instinktive Sensibilität der Impressionisten eingeführt hatte) sowie vom Fauvismus, Picasso von Gauguins Postimpressionismus. Die Malerei verlangt nach skulpturaleren Zügen.

Von 1907 bis 1909/10 entwickelt sich der so genannte Cézanne-artige Kubismus.

 Unabhängig von ihrem Aufenthaltsort – Braque in L'Estaque oder La Roche-Guyon, Picasso in der Rue des Bois bei Paris oder in Horta de Ebro in Spanien – verwenden sie die Technik Cézannes, um immer subtilere Übergänge zwischen den Formen und auch von den Formen zum Hintergrund zu erzeugen. Sie folgen dem Meister aus Aix in seinem Bestreben, den optischen Eindruck greifbar zu machen und zu einem gegenständlicheren Ausdruck zu gelangen. Seine Erklärungen weisen ihnen die Richtung: "Stelle die Natur mit Zylinder, Kugel und Kegel dar und bringe das Ganze in die richtige Perspektive ..." Ihre Bilder haben eine holzschnittartige Struktur ohne jegliches Beiwerk.

Die dritte Phase – von 1910/11 bis 1912 – wird als analytischer Kubismus bezeichnet.

Eckigere Formen durchdringen sich mehr und mehr, zersplittern bis zur Unkenntlichkeit und verfestigen den gesamten Bildraum. Helle und dunkle Grautöne verdrängen die gedämpften Farben der vorhergehenden Phase. Die Technik gibt die gewohnte Körperhaftigkeit des Modells zugunsten einer steten Variation auf. Die traditionelle Zentralperspektive wird durch Konvexität und mehrfache Blickwinkel ersetzt. Symbole erscheinen, die Dingen und Wesen neue Identitäten verleihen und neue Assoziationen erzeugen sollen.

Die vierte Periode schließlich – von 1911/12 bis 1914 – wird als synthetischer Kubismus bezeichnet.

Am Ende der vorigen Phase erscheinen neue, nicht gemalte Formen des Bezugs auf die Wirklichkeit. Buchstaben, Schrift oder Noten ersetzen oder überlagern die plastische Ausdrucksweise. Den Sommer 1912 verbringen die beiden Freunde in Sorgues in der Provence. Von dort fahren sie nach Marseille, um afrikanische Kunst zu erwerben. Braque gestaltet weiterhin Papierskulpturen und erfindet das Collage-Verfahren. Picasso folgt ihm dabei.

Papierstücke werden zugleich Raum, Symbol, Form, Farbe und Material. Anstelle von Farbe überdecken bestimmte Materialien, beispielsweise Holzimitat, zuweilen Bereiche der Leinwand und dargestellte Objekte. Picasso erklärt Jahre später: "Wir versuchten uns von der Illusion für das Auge zu befreien, um die Illusion für den Geist zu entdecken."

Die Maler wählen oft das ovale Format, die Form der Geburt, in der wieder lebendige Farben erscheinen. Worte, Farben, Stoffe erscheinen als synthetische Ellipsen, die der Malerei fremd zu sein scheinen und die die Wirklichkeit übertragen und beibehalten sollen, um nicht ins Abstrakte abzugleiten. Die Einführung der Collagen führt die Malerei zum Reliefartigen und schließlich zur Schaffung eines neuen Objektes, eines "Bild-Objektes", wie es Kahnweiler bezeichnete.

Braque und Picasso haben die Malerei radikal verändert, indem sie eine Entsprechung zur industriellen Entwicklung suchten, zu den neuen Kommunikationsformen und neuen Technologien (Fotografie, Kino, Tonaufzeichnung, Eisenbahn ...) und zu einer Epoche, die schneller und mobiler war, als je zuvor. Die kubistische Dekonstruktion des Objektes ist gleichzeitig eine Neu-Aneignung, bei der Wahrnehmung und Objekt in einander übergehen.

Die beiden Künstler sind nicht von Theorien ausgegangen und waren erst sehr viel später bereit, dem Wort "Kubismus" einen Sinn zu geben. Picasso sagte: "Als wir kubistisch arbeiteten, wussten wir nicht, dass wir kubistisch arbeiteten, sondern wir wollten das ausdrücken, was in uns war."

Braque erklärte eindeutig was für ihn die Haupttendenz des Kubismus war: "die Vergegenständlichung dieses neuen Raumes, den ich fühlte". Er stellte die Fassbarkeit der Dinge und des Raumes dar und erklärte: "Ich mal nicht die Dinge, ich male die Beziehungen zwischen den Dingen". Dies ähnelt der Aussage Picassos, mit der dieser die Überlebtheit der Definition der Dinge durch die Sprache zugunsten von Analogien und der durch sie möglichen Metamorphosen aufzeigt: "Ob ich eine Gitarre oder eine Frau male – es ist das Gleiche."

Zwischen 1910 und 1912 werden zahlreiche Künstler von Picasso und Braque beeinflusst. Einige von ihnen beschreiten mit ihren Werken neuartige Wege, andere formulieren kubistische Theorien, die sich von der ursprünglichen Idee entfernen.

Siehe auch ... Techniken der Meister